Wo sich der rote Zacharias weiland schnurstracks zum Teufel scherte

Das Naturschutzgebiet Höllengraben zwischen Altstadt und Beeden -
von Martin Baus
 

Dass es denn strengstens verboten sei, das Terrain im Tale zu betreten, darauf weist eigens ein Schild hin. Begründet wird die Vorschrift in epischer Breite, Naturschutzgebiet sei das Areal um den Höllenbrunnen nämlich und um alles, was da an Raritäten kreucht und fleucht, vor Störungen und Nachstellungen zu bewahren, soll per amtliches Dekret jedwedes Vordringen vermieden werden. Aber ein solcher Abstecher verbietet sich schon von selber, denn der sumpfige Morast in diesem zur Altstadter Flur gehörigen Auenteil der Blies ist ohnehin schwerlich begehbar, schnell läuft man Gefahr, knietief und tiefer in den „Schlammassel“ zu geraten.

Uralte Sagen erzählen davon, dass dieser so genannte „große Brunnen“ seit Alters her mit besonderer Vorsicht zu genießen sei. So soll der „Rote Zacharias“, seines Zeichens Henker von Berufs wegen, dereinst just an dieser Stelle schnurstracks zum Leibhaftigen gefahren sein, nachdem er ein zu Unrecht verhängtes Todesurteil wider besseres Wissen und aus gekränkter Eitelkeit auf dem Galgenberg vollstreckt hatte. Auch soll eine Hochzeitskutsche samt Pferden und Brautpaar an jener Stelle versunken sein. Im Licht der ersten Sonnenstrahlen seien, so heißt es, die Umrisse des Fuhrwerks in den tiefen Wassern noch zu sehen. Und eine weißgewandete Braut schwebe seither in nebligen Nächten spukend über die Quelle: Eine Mär, die wohl auch nichts anderes als ein Verbot war und zur Abschreckung allzu vorwitziger Sprösslinge diente.  


Nur bei wirklich festem Frost lässt sich die Umgebung des „Höllenbrunnens“ näher unter die Lupe nehmen. Nach wie vor entspringt dem Sumpfboden das feuchte Element reichlich. Nicht zufällig wurde hier früher Torf abgebaut, nicht zufällig finden sich in der Umgebung zahlreiche Pumpstationen, über die das sattsam vorhandene Grundwasser gefördert werden soll- die nächste nicht einmal einen Katzensprung entfernt.
Wo der Überlieferung nach dereinst der Altstadter Henker zum Teufel gefahren ist, entspringt heute der Höllenbrunnen. Nur bei festem Frost lässt sich die Quelle näher erkunden.

Im Gegensatz zu diesen künstlichen Brunnen sprudelt der Höllenbrunnen aber ganz natürlich, der „Höllengraben“ der dem großen Naturschutzgebiet zwischen Altstadt und Beeden den Namen geliehen hat, wird damit gespeist. Zwar wurde der Bachlauf vor Jahrzehnten zwecks Entwässerung des Areals in eine Betonrinne gezwängt, aber die ist im geschützten Bereich längst Makulatur und kaum mehr auffindbar. Nur dort, wo der Bach für ein paar Dutzend Meter noch durch bewirtschaftetes Grünland verläuft, ist seine Verbauung noch erkenntlich, bis er dann ganz in ein unterirdisch verlegtes Rohr verschwindet.

Doch zurück zur Quelle: In feuchter Jahreszeit hat sie wohl gut und gerne 20 Meter Durchmesser. Und um sie herum hat sich ein Feuchtbiotop entwickelt, das überregional von besonderem Rang ist. Große Schilfröhrichte, Hochstaudenfluren und Auwälder bieten allerlei bedrohten Spezies Refugien. Hubert Weyers, der vor zwei Jahren verstorbene passionierte Ornithologe aus Homburg, hatte den Höllengraben stets fest im Visier und führte akribisch Buch über seine Vogelwelt. Rohrweihe, Wasserralle, Wachtelkönig, Bekassine, Braunkehlchen oder Pirol waren letztlich ausschlaggebend dafür, dass das Gebiet um den Höllengraben vor 20 Jahren unter Naturschutz gestellt wurde.

Im Licht der Sonnenstrahlen seien, so heißt es, im Wasser die Umrisse
einer versunkenen Kutsche zu sehen, eine weißgewandete Braut schwebe
in nebligen Nächten über der Wasserfoberfläche. Besonders bei den
häufigen Hochwassern der Blies bietet der „Höllengraben“ ein markantes Bild.

Text und Fotos: Martin Baus



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Letzte Änderung: 10.08.2008